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Über alte und neue Ären und den Zwischenraum dazwischen

Es gibt Jahre, da beginnt man ganz viel Neues.


Und dann gibt es Jahre, da beendet man ganz viel … Gehabtes.


Und dann gibt es noch die Jahre zwischendurch. Wo´s einfach nur läuft.

Mal so, mal so.


Dieses Jahr ist irgendwie ein gehabtes Jahr. Also ein Jahr, in dem ganz viel zu Ende geht.


Gut, der ausgedehnte Frühling heuer mag net so recht gehen. Der bleibt gehabt. Der fühlt sich heuer sehr wohl. Dem hats aber offenbar auch noch keiner gesagt. Sollte er sich doch entscheiden, irgendwann mal zu verschwinden, kann er – bei der Gelegenheit – die Nacktschnecken gleich mitnehmen. Und die Gelsen. Und ein paar Milliarden Blattläuse. Hätte ich auch im Angebot. Zecken! Die auch.


Ach, diese Natur. Mhhhmmmm. Herrlich!!!


Wo waren wir?


Ach ja. Beim Gehabten. Es gibt ja Gehabtes, das würde man gerne ziehen lassen, aber das will irgendwie nicht und bleibt dann aber so wahnsinnig gerne. Kennt ihr das? Diese unleidige unendliche Büro-Baustelle zum Beispiel. Hätte mal ein Büro werden sollen, ist aber irgendwie immer nur ein Abstellraum mit Schreibtisch geworden. Und irgendwie gehabt es sich damit. Und mich deucht, das bleibt auch so gehabt. Der Wäscheständer da drinnen zum Beispiel fühlt sich pudelwohl. Und die russische Fassung vermisst auch keinen Luster.


Und es gibt auch Menschen, die sind irgendwie so gehabt. Auch schon mal erlebt? Passiert einem eigentlich immer nur dann, wenn man´s eh schon super eilig hat. Beide Hände voll mit Zeug, mit einem Fuß im Auto, der zweite, blöderweise noch davor. Man sucht schon wieder den Schlüssel oder das Parkticket, das man gerade noch in der Hand hatte, und weiß, man ist eh schon wieder viel zu spät dran und es wird – wieder einmal - eine seeeeehr sportliche Angelegenheit.


Und gerade in dem Moment, in dem man in den Unweiten seiner Handtasche den Autoschlüssel nebst zerwutzelten Supermarktrechnungen (warum hab ich sie nochmal eingepackt, als die Kassiererin gefragt hat, ob ich sie brauch?), angeschneutzten Taschentüchern (Kinder – sie geben einem so viel), Geldbörsel, einem kaputten Kugelschreiber, den man schon seit Monaten wegwerfen wollte, dem gebastelten Küken der einen Tochter, dem Glitzerlippgloss der zweiten, und dem Schleichpferd (WTF macht DAS in MEINER Handtasche???) findet, bremst sich plötzlich neben einem ein Auto ein, man erblinzelt es (denkt sich in dem Moment noch: Jetzt net hinschauen!), bleibt stehen, lässt die Scheibe runter und ruft: „Ja haaaallllooooooooo! Mein Gott, freu ich mich DICH zu sehen!“

Und du denkst dir nur:




„Naaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa.“





Und aus welchen erfindlichen Gründen auch immer, schaut man dann in diesem Moment tatsächlich auf, setzt sein best einstudiertes künstlichstes Lächeln auf, dass man auch gerade noch so irgendwie in den Tiefen der Handtasche gefunden hat und sagt dann sowas wie: „Ja, hallllooooo!“.


Und dann passierts: Das Gehabte stellt den Motor ab. Spätestens jetzt ist klar: „F…….!“

Weil man allerdings gedanklich noch nicht bei der neuen Situation (gerade wollte ich noch wegfahren, jetzt muss ich bleiben) angekommen ist und sich manche Synapsen noch mit dem Schlüsselsuchen beschäftigen, passiert es dann, dass man, total unüberlegt reagiert und sowas sagt wie: „Na, wie geht´s?“



IÜIÜIÜIÜIÜIÜIÜIÜIÜIÜIÜIÜIÜIÜIÜIÜIÜ



Für ein IÜ ist es jetzt VIEL zu spät! Weil das Gehabte beginnt zu antworten. Und dann ist man – zumindest ich - überraschender Weise immer wieder überrascht, wie viel Information in kürzester Zeit an den Mann/die Frau gebracht werden können. Das sind zum einen Informationen zu diversen Krankheiten – im Detail und Zeitverlauf beschrieben und heruntergebrochen, beginnend mit den eigenen, dann die des engeren Familienkreises, dann des erweiterten Familienkreises, dann im Bekannten- und Freundeskreis und zum Schluss auch Informationen zu Krankheiten von Menschen, von denen man gehört hat, dass es sie geben soll. Also Krankheiten und die dazugehörigen Menschen.


Üblicherweise folgen dann Informationen zum vorangegangenen und auch zukünftigen Wetter – meist in Form von Beschwerden (zu heiß, zu kalt, zu nass, zu trocken) dicht gefolgt von Beschwerden zu eh allem anderen (Job, Umgebung, Gesellschaft, Politik und zu der Gesamtsituation ganz generell).


Dabei habe ich festgestellt, ist euch vielleicht auch schon mal aufgefallen, dass es eine inverse Relation zwischen dem eigenen persönlichen Stress und der Gesprächsfreudigkeit des Gehabten gibt. Das heißt, je eiliger man es hat, desto höher die Gesprächsfreudigkeit des Gegenübers und desto niedriger gleichzeitig dessen Sprechgeschwindigkeit.


Der hat Zeeeeeeiiiiiiit….


Wahnsinnig interessant! Wäre durchaus wert, das Thema mal genauer zu erörtern.


Jedenfalls ist das DAS Gehabte, von dem ich heute nicht reden möchte.

Vielmehr geht es mir heute um DAS Gehabte, über das man schon trauert, bevor es gehabt wird. Das heißt, es ist eigentlich noch nicht gehabt, wird erst gehabt. Aber darüber ist man jedenfalls im Vorfeld schon traurig. Sowas wie eine „Vortrauer“ (im Gegensatz zur Vorfreude).

Und im Vortrauern bin ich richtig gut. Ich kann mich da teilweise schon ein halbes Jahr vorher recht intensiv damit beschäftigen. Warum, das habe ich noch nicht so genau herausgefunden. Unter Umständen mache ich das, um mich auch richtig gut auf die eigentliche Phase der Trauer einzustimmen. Um dann auch richtig traurig sein zu können.


Oder so.


I don´t know.


Fakt ist, mit Abschied kann ich nicht besonders gut umgehen. Und da meine ich den, wo klar ist, dass es fix kein „Wiedersehen“ in der Form geben wird.


Warum ich euch damit beschäftige?

Es ist nun mal Schulschluss. Fast. Also Vorschulschluss. In meinem Fall ist für ein Kind Kindergartenschluss und für das andere Tagesbetreuungseinrichtungsschluss (was für ein WORT!).


Und vielleicht ist auch für das eine oder andere von euren Kindern mit irgendwas Schluss?

Jedenfalls fallen mir diese Schlüsser immer wahnsinnig schwer. Vor allem vermutlich auch deswegen, weil ich glaube, mich vor meinen Kindern extra bemühen zu müssen, sie meine Schwermut nicht so spüren zu lassen.


Und das gelingt mir total gut.


Nicht.


Erst kürzlich habe ich mit meiner ältesten Tochter ein Lied über den „Abschied“ gesungen, wobei mich meine älteste ganz abrupt unterbrochen hat und mit mir Tacheles geredet hat, weil ich (angeblich) bei dem Wort „Abschied“ immer so traurig dreingeschaut hätte, dass sie selbst davon traurig geworden wäre und wenn ich so weitermachen würde, sie mit mir das Lied NICHT MEHR SINGEN würde!


Do host das.


Aber was tun, wenn die Schwermut nun mal da ist?


„Oh happy day“ singen vielleicht. Hab´ ich probiert. Außer einer Portion Eigenschämen hat´s mir nichts gebracht.


Warum ich überhaupt schwermütig bin?


Naja, in unserem Fall geht jetzt schon eine Ära zu Ende.


ÄrEN.


Die kleinste gehört nun nicht mehr zu den Kleinsten und verlässt in ein paar Wochen die wohl behütetsten, liebevollsten, der persönlichen eigenen Entwicklung am meisten angepassten und abenteuerlustigsten (ich sag nur: Fingermalfarben, Knetmasse und gefärbter! Spielreis ODER Sandwanne (indoor!!!!) – CHAPEAU den Pädagoginnen!!!!) heiligen Hallen der Tagesbetreuungseinrichtung.


Die größte verlässt zum selben Zeitpunkt ihre so geliebte Sonnengruppe. Die sonnigste Sonnengruppe von hier bis Florida, sag ich euch! Ich bin immer wieder überwältigt mit wieviel Liebe, Hingabe und Ideenreichtum man Kindern in einer so wichtigen Lebensphase so viel zeigen und beibringen kann und mit einer Begeisterung die Neugierde für die Welt und das Leben da draußen vermitteln kann, ohne gleichzeitig ein Gefühl von Zwang, negativer Anstrengung oder Belastung zu vermitteln. Unglaublich toll!


Und dann geht da noch eine Ära zu Ende. Die meines liebsten Lieblingsbücherturms. Auch hier heißt es Abschied nehmen. Von den Räumlichkeiten, den Ausstellungen, den Büchern, den Spielen, dem Schreibzeug, den Mitbringseln, den unbezahlbaren Tipps und Beratungen zu oben genannten und überhaupt zu allen Themen, die man sonst noch so dabei hat, wenn man das Lokal betritt. Und wenn man es verlässt, nimmt man immer was mit. Im eigentlichen und im übertragenen Sinne.


So viele Abschiede. Ich finde das furchtbar. Und ich tu mir da wirklich schwer, gut loszulassen. Als Mama aber auch als Ich selbst. Große Kunst überhaupt, wie ich finde. Die Kunst des Loslassens. Vor allem, bei den eigenen Kindern. Kaum auf die Welt gekommen, zack, Führerschein. Und dann soll man nicht mitquaken und schon gar nicht traurig sein.


Uff.

"Wenn sich eine Türe schließt, tut sich eine andere auf.", heißt es immer so schön.

Jo eh.


Hilft mir aber im Moment gar nicht, weil ich mich noch in der Phase des „Türeschließens“ befinde. Und weil ich die eine Türe noch gar nicht geschlossen habe, kann ich die andere noch gar nicht aufmachen. Ich stehe sozusagen noch zwischen den Türen.


Und ich bin draufgekommen, ich will da jetzt gar nicht raus. Ich möchte in diesem Zwischenraum jetzt noch ein bisschen verweilen. Noch genießen, was da ist, nochmal darauf zurückblicken, was da war. Und ein bisschen in die Sterne schauen, was da noch kommen wird.


Nostalgisch sein, ein bisschen wehmütig sein und auch ein bisschen traurig sein.


So wie damals, bei einer ganz besonderen Reise auf einer ganz besonderen Insel. Als es nämlich darum ging, sich von der Insel zu verabschieden, weil wir am nächsten Tag weiterreisen würden. Da war ich auch ganz wehmütig. Und als ich mich da gerade so in meiner Wehmut suhle, sagt ein anderer Insel-Gast zu mir:


„It was greeeeaaaat. Wasn´t it? And now, off to new adventures!!! WHOHOOOOOO“

DER hat´s verstanden.


SO kann man es nämlich auch sehen. Off to new adventures…


Was mir persönlich sehr hilft, ist, vorher immer nochmal DANKE zu sagen. Weil ich das Bedürfnis habe, noch einmal auszusprechen, was mir am Herzen liegt und es loszuwerden, so lange man noch die Möglichkeit dazu hat.


Deswegen:

Danke, liebe Christina, Maria, Julia, danke liebe Petra, Karo und Monika, danke liebe Evi, Barbara, Meli und auch dir, liebe Iris – vielen herzlichen Dank!

Ohne EUCH keine neuen Abenteuer.




Bleibt noch die Frage, wie man das Problem mit dem Zwischenraum löst?


Ich versuch´s mal auf folgende Art & Weise:



Der Lattenzaun Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. Ein Architekt, der dieses sah, stand eines Abends plötzlich da —

und nahm den Zwischenraum heraus

und baute draus ein großes Haus. Der Zaun indessen stand ganz dumm, mit Latten ohne was herum. Ein Anblick gräßlich und gemein.

Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh nach Afri — od — Ameriko.

Christian Morgenstern, 1905



Genießt die letzten Tage vor dem Schluss, denkt an die wunderbaren Momente, die ihr gemeinsam erleben durftet und freut euch – gemeinsam auf neue Abenteuer!


Ich geh jetzt jedenfalls meine Mäuse fragen, wie SIE sich noch gerne verabschieden möchten, so dass SIE und auch ICH leichter loslassen können.


Aber davor möchte ich noch eines erwähnen:

Wehmut, Trauer und Abschied können immer nur dann entstehen, wenn einem etwas oder jemand am Herzen liegt, einem etwas besonders wichtig war und man es ganz großartig gefunden hat!

In diesem Sinne:


Danke und Baba ihr Herzensmenschen da draußen!


Bussis &

alles Liebe,


eure Barbara


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