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Über´s Schwammerlsuchen. Über´s Leben.

Aktualisiert: 20. Juli 2022

Wenn man so zurückdenkt an seine eigene Kindheit, dann fallen einem doch immer so ganz einprägsame beziehungsweise „eingeprägte“ Momente ein. Ich meine die, an die man sich so gerne erinnert, weil sie so besonders waren. Die, bei denen man das Gefühl bekommt, einfach eine wunderbare, unbeschwerte Kindheit gehabt zu haben.


Ich hatte Gott sei Dank eine solche und auch viele wunderschöne Erinnerungen daran. Drei meiner schönsten davon sind diese hier:


#1: Die rote Lackledertasche

Ich habe sie heute noch und sie damals von meiner liebsten Lieblings-Oma geschenkt bekommen. Es ist eine kleine Kinder-Handtasche mit einem langen roten Riemen, einem Druckknopf zum Verschließen und das Beste von allem, die Farbe: Leuchtend knallrot. Meine Mama hat sie dann noch befüllt mit einem Fake-Lippenstift, einem rosa Handspiegel und einem Haarspangerl. Gibt’s auch heute noch. War auch immer mein Heiligtum, hat´s daher bis heute überlebt. Sozusagen.


#2: Die Wasserrutsche und der Stiftspark

Jedes Jahr im Sommer gab es ein Jungscharlager im Stift Melk. Und jedes Jahr im Sommer war ich mit dabei. Das war immer eine mega aufregende Woche (ganz allein, ohne Eltern, dafür mit vielen anderen Kindern). Die Betreuerinnen und Betreuer haben sich immer ein irrsinnig aufwendiges und abwechslungsreiches Programm für die ganze Woche ausgedacht. Genial. Es gab auch immer eine Rätsel-Ralley oder ein Nachtgeländespiel und wir hatten das Gefühl, dass das ganze Stift für eine Woche nur uns gehörte. Vom Keller bis zum Dachboden. Überall durften wir herumwuseln.

Einmal, da wurde für uns eine selbstgemachte Wasserrutsche aufgebaut. Im Stiftspark. Und die war DER ultimative Hammer. Die ist nämlich - mit Verlaub, gegangen wie Sau. Und niemals nimmer nicht in meinem ganzen Leben habe ich in keinem Aquapark auf diesem Planeten ever nur annähernd eine Rutsche ausprobiert, die dieser ebenbürtig würde. SO war die.


Was mich auch schon zur Nummer 3 bringt:


#3: Riesenschwammerl

Nicht irgendein Riesenschwammerl, ein Riesenparasol um genau zu sein. Einen, den wir selbst im Wald gefunden haben. Riiieeesig, sag ich euch. Nicht groß. Riiiieeesig! Der war so groß, dass ich mich als Kind daran festgehalten habe und eine Freundin meiner Eltern mich festgehalten hat, damit ich nicht nach vorne hin umkipp. Da gibt’s auch ein Foto davon. Also eigentlich ein Dia (wer das noch kennt). Die Dias waren ja so klein und das Schwammerl so groß, hat fast gar nicht drauf gepasst. Aber mit Projektor gings dann. Gott sei Dank.

Und ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe, der war groß. Unendlich quasi. Eine Familienpizza is nix dagegen. Größer. Viiieeel größer. Ok. Unter Umständen ist er in meiner Erinnerung noch ein bissal größer als tatsächlich, ich war ja wirklich noch ein kleines Kind, so drei, vier Jahre, da haben sich halt die Proportionen auch noch anders verhalten. Vielleicht war er ein bissal kleiner. Aber um ein Haucherl vielleicht. Höchstens. Für die, die sich jetzt fragen, naja, 80er Jahre Riesenschwammerl…. NEIN! Es war kein Tschernobyl-Schwammerl, das kann ich ausschließen, das kam erst später.


Glaub ich.


Warum es genau diese drei Bilder sind, wissen vermutlich nur Gott und vermutlich auch der gute alte Freud. Aber - sei´s wie´s sei - sie gefallen mir, deswegen bleibe ich dabei.


Jedenfalls war das der Beginn einer großen Schwammerlära.


Der Papa, ich und unser Wald.


Früher gemeinsam mit dem Frauendorfer Opa (der Vater meines Vaters, hatte die Schwammerl vermutlich auch schon im Blut). Später dann nur mehr der Papa und ich. Das war sozusagen unser Ding.


Und für die, die meinen Vater nicht kannten: Mein Vater hatte sein ganzes Leben lang immer eine fixe Vorstellung zu jedem handelsüblichen oder auch ausgefallenem Thema. Manchmal, da ging es über die reine Vorstellung hinaus und dann wurde eine Vor- beziehungsweise auch (Lebens)einstellung zu einer Regel. Regeln, derer gab es einige.


Ausgesprochene oder unausgesprochene.


Zumeist war es so, dass es sich zuerst einmal um unausgesprochene Regeln handelte und erst, wenn man die nicht verstanden hat, wurden sie zu ausgesprochenen. Dann waren sie aber üblicherweise klar und wieder unausgesprochen. Die Metamorphose der Paper´schen Regeln sozusagen.


Und so gab´s auch beim Schwammerlsuchen Regeln.


Regeln zwischen dem Wald und uns, zwischen den Schwammerln und uns, zwischen den anderen Schwammerlsuchern und uns und Regeln zwischen uns BEIM Schwammerlsuchen. Vielleicht gabs auch Regeln zwischen den Schwammerln und den Schwammerln. Das kann ich aber nicht mit genauer Gewissheit sagen.


Der Papa hat sich fürs Schwammerlsuchen immer Zeit genommen. Auch während der stressigsten Zeit im Jahr (mein Papa war Winzer) bei der Weinlese. Schwammerlsuchen, das war fast ein ehernes Gesetz. So wie sein Mittagsschlaferl, sein Toastbrot in Kombination mit der Sonntagskrone, sein Strohhut, sein Stofftaschentuch und noch andere wichtige Accessoires für den gebildeten Mann von Land, die er immer bei sich hatte.


Wenn die Schwammerl da waren, wars der Papa auch.

Und die erste Regel beim Schwammerlsuchen (eine unausgesprochene, sei dabei anzumerken), war: Zum Schwammerlsuchen kommt man nicht zu spät.


Da gab´s zwei mögliche Uhrzeiten: 09:00 mit Kaffee, 09:30 ohne.


Und die waren einzuhalten, weil schließlich sollte ja um Punkt 12:00 Uhr das Mittagessen am Tisch stehen und mit ein bissal Glück, ein Schwammerlgericht. Und das wollte ja auch noch zubereitet werden.


Das Prozedere hat dann folgendermaßen ausgesehen:

Der Papa hat zwei Körbe vorbereitet (der Opa hatte immer nur so ein kleines Sandkisten-Spielzeugküberl, wir sind mit den großen Einkaufskörben von der Mama ausgerückt, wir waren ja schließlich Optimisten).


In eines hat er ein selbst-geschliffenes Küchenmesser reingelegt, das war für mich, der andere Korb war leer, sein Taschenfeidl hatte er eh immer dabei. Eben Accessoires für den gebildeten Mann von Land. Oder: Ein Mann mit Kultur, wie er in diesem Falle vermutlich selbst gesagt hätte.


Während ich noch mit Mama getratscht und meinen Kaffee ausgetrunken habe, hat Papa sich in der Zwischenzeit die Schlapfen aus- und die Schuhe angezogen, noch irgendwas bei der Heizung gemacht (bei der Heizung war immer irgendwas zu tun) und dann haben wir uns hinten beim Auto getroffen. So war das. Immer.


Unausgesprochen.


Was uns auch gleich zu Regel Nummer 2 bringt: Ziag da wos gscheits on.


(Ausgesprochen).

Papa war ja der hiesige Wetterfrosch und hat mich auch vorab schon immer instruiert. Wegen nassen Füssen jammern, das wäre dann nicht drin gewesen. Da hatte er kein Verständnis dafür (unausgesprochen). Ein Blick von ihm war völlig ausreichend.


Auf der Fahrt in den Wald wurde immer geredet. Das tun wir ja beide sehr gerne, ist uns nie sonderlich schwergefallen. Spannenderweise, jetzt, wo ich so darüber nachdenke, meistens über Themen, die uns in unserer beider Leben gerade als hinderlich erschienen. Also irgendetwas, wo uns der Schuh gerade gedrückt hat. Ihn, oder mich, oder ihn und mich, oder ihn über mich, oder mich über ihn.


Und wenn wir sonst bei kontroversen Themen viel diskutiert haben, im Auto am Weg in den Wald gabs das nicht. Wir haben erzählt, wir haben uns gegenseitig zugehört und wir haben versucht einander noch andere Blickwinkel aufzuzeigen. Da gabs keine Bewertung, kein Gut und kein Schlecht, sondern einfach nur ein Aufzeigen. „Vielleicht hätte der oder die, der das oder jenes gesagt hat, es ja auch noch so oder anders gemeint.“ „Vielleicht, würde man es von dieser oder jener Seite betrachten, könnte man es ja auch noch so und so sehen.“


Und wenn wir einmal nicht derselben Meinung waren, haben wir das Gespräch ganz einfach mit den Worten „Jo eh.“ beendet.


Und wie wir alle wissen, bedeutet „jo eh“ üblicherweise weder „jo“ noch „eh“, und bekanntlich kommt danach immer ein dickes, fettes ABER. Aber – das ABER hatte auf der Fahrt in den Wald keinen Platz. Es ist im Auto immer beim „Jo eh.“ geblieben. Regel Nummer 3. Unausgesprochen.


Regel Nummer 4: Im Wald ist man leise. Da sind WIR die Besucher und haben uns anzupassen und die Bewohner des Waldes nicht zu stören. Ausgesprochen einmal als Kind, habe ich mir mein Leben lang gemerkt und auch schon meinen eigenen Kindern weitergegeben. Zumindest denen, die das/mich schon verstehen können.


Regel Nummer 5: Im Wald werden keine Sorgen mehr besprochen (dafür ist auf der Hinfahrt im Auto Platz). Da geht’s um was Wichtigeres, um die Schwammerl. Unausgesprochen. Da waren wir uns immer einig.


Dann gabs noch ein paar formale Regeln, wie:

  • Beim Pinkeln lassen wir uns alleine

  • Einer geht nach oben, einer nach unten (wir haben den Wald ja systematisch durchkämmt, das war ja kein Spaziergangerl)

  • Abgeschnitten werden nur die, die wir auch mitnehmen und wenn wir uns vertan haben oder der Pilz zu wurmig war, wurde das Schwammerl zurückgelegt. Nicht zerbröselt, nicht geschmissen, nicht zerstampft, behutsam zurückgelegt. An die Stelle, an der man es genommen hat.

  • Ich habe immer die schönen Pilze gefunden, der Papa immer die essbaren

  • Büsling und Eierschwammerl sind zwar grundsätzlich nur was für Sonntagsschwammerlsucher (aber genommen haben wir sie trotzdem. NATÜRLICH. Lasst ma ja net stehen).

  • EINEN Pilz, von EINER Sorte, die wir noch nicht kannten (wobei Papa der Experte und ich eigentlich immer nur der Treiber bei der Schwammerljagd war), haben wir dann zum Bestimmen mitgenommen. Also ich habs mitgenommen und Papa hat dann bestimmt.

  • Gesucht wurde meistens an einem Donnerstag oder Freitag Vormittag. Weil, am Wochenende, da kommen immer die Sonntagsschwammerlsucher, die ja wirklich keiner braucht, am Montag ist dann alles abgegrast, den Dienstag und Mittwoch haben wir den Schwammerln dann zum Schießen gelassen und am Donnerstag oder Freitag, dann kamen wir.

  • Und wenn sich wirklich noch ein anderer Schwammerlsucher in UNSEREN Wald verirrt hat (die besten und meisten Schwammerl haben wir eh nie in unserem Wald gefunden, immer nur in dem vom Nachbarn), dann haben wir den zwar freundlich gegrüßt (man weiß ja, was sich gehört), aber unsere Kreise dann schon größer gezogen. Also Papa´s OBEN war dann noch obener, und mein UNTEN noch UNTERER und wir sind gefühlt auch immer einen Hauch schneller geworden. Beim Suchen. Ein bissal nervös waren wir dann schon. Manchmal. Aber wir haben uns dann immer damit getröstet, dass das vermutlich eh nur ein Sonntagsschwammerlsucher am falschen Wochentag ist, der nimmt eh nur die Büsling und die Eierschwammerl. Der kennt sich eh nicht aus. Und Eierschwammerl gabs in dem Wald sowieso so gut wie nie.

  • Und zu guter Letzt: Ein paar Schwammerl gibt´s immer. Nicht nur im Wald und auf der Wiese.

Das eigentliche Ziel einer jeden Schwammerlsuche war, beide Körbe so voll zu kriegen, dass wir sie im Kofferraum ausleeren und nochmal gehen müssen. AUSGEPSROCHEN. Jedes Mal.


Wobei – stimmt nicht ganz. Das eigentliche Ziel war, so viele Schwammerl zu finden, dass wir die Körbe gleich im Auto lassen und mit dem Auto rückwärts in den Wald reinschieben können, so dass wir den Kofferraum einfach nur bis oben hin anfüllen müssen. Einmal haben wir´s fast geschafft, mit Herbsttrompeten. Großer Moment, sag ich euch!


Große Momente hatte der Papa auch ab und zu alleine. Wenn ich mal nicht konnte, oder der Papa davon ausgegangen ist, dass „do eh no nix is“ und er eigentlich nur zum Spähen in den Wald gefahren ist und es dann vielleicht doch anders kam, als vermutet. Dann habe ich immer ein Foto von den überfüllten Körben bekommen. Und ich war dann auch immer angemessen neidisch, so, wie es sich in diesem Fall gehört.


Unausgesprochen.


Große Funde wurden im Übrigen folgendermaßen quasi musikalisch untermauert:

Papa: „Uiuiuiuiuiuiui, Babahaaaa!“

Und ich: „Ahhhhh, Papilein, Papilein! Do do do!“

LAUT ausgesprochen.


Der Papa war ja tief in seinem Herzen immer ein Abenteurer. So auch beim Schwammerlsuchen. Irgendwas super Exotisches hat er dann doch immer wieder gefunden. Und wenn er dann bei der Analyse festgestellt hat, dass der nicht nur essbar, sondern laut Analyse auch noch ein besonders schmackhafter Pilz war, DANN war die Freude am Größten. Und die Plätze, wo diese Schwammerl gestanden sind, wurden dann in den darauffolgenden Jahren immer zuerst aufgesucht.


Nur einmal, da haben wir uns vertan. Da ist es dann der Mama nicht so gut gegangen. Schwammerl haben dann nicht mehr zu den Lieblingsgerichten von der Mama gehört, aber gekocht hat sie sie ihm doch immer.


Ich persönlich hab mich ja immer als Nachwuchs-Abenteurerin gegeben. Aber – jetzt kann ich´s ja sagen – was der Papa da manchmal ausgegraben oder von irgendwelchen anderen Bäumen runtergesägt hat, das war mir auch nicht immer ganz geheuer. Das haben wir dann aber immer sehr charmant gelöst: Wenn der Papa dann gesagt hat: „Geh, nimm da welche mit!“ habe ich dann immer geantwortet: „Du, is lieb, Papa. Aber weißt eh, bei uns isst ja keiner Schwammerl außer mir, und mein Tiefkühlfach ist ja so klein und ich hab eigentlich grad gar keinen Platz.“


Unausgesprochen ausgesprochen.


Eine der wichtigsten Regeln war folgende:

„Pilz hat immer kleine Bruder.“ So haben wir das von einem der engsten Freunde meines Vaters (er ist Pole), gelernt. Der Satz ist auch mindestens einmal bei jeder Schwammerlsuche gefallen und hat uns jedes Mal wieder zum Lachen gebracht. Und den kleinen Bruder, den haben wir auch immer gesucht und gefunden. Im Bruder-Finden war der Papa nämlich unschlagbar.


Und dann gabs noch eine Regel, und zwar wurde bei der Heimfahrt immer gewettet, ob denn die Mama, wenn wir nach Hause kämen, auch sagen würde: „Jo, wos dann denn mia mit so vü Schwammerl?“ oder eben nicht.


Wenn der Satz tatsächlich gefallen ist, gabs beim anschließenden Schwammerlputzen ein Glaserl Sekt, wenn er nicht gefallen ist, gabs beim anschließenden Schwammerlputzen ein Glaserl Sekt.


Das war nicht nur unausgesprochen, das war fix so.


Am letzten Montag im Mai dieses Jahres, als mein Papa die Schwammerlsaison für endgültig beendet erklärt hat, habe ich meine Mama angeschaut und gefragt, mit wem ich denn jetzt Schwammerlsuchen gehen sollte. Ich würde mich ja nicht auskennen. Die Mama hat mir dann ein Spezial-Schwammerlmesser geschenkt, dass sie eigentlich dem Papa gekauft hat. Ein ganz ausgeklügeltes, mit einer scharfen glatten „Schneid“ und einer gezackten „Schneid“ und einem Bürsterl oben drauf.


„Nix“ hat die Mama dann gesagt. „Du kaufst dir ein gutes Buch, schnappst dir die Theresa (meine älteste Tochter mit groooßem Nachwuchsschwammerlsucherpotential) und gehst mit ihr in den Wald.


Und genau das, liebe Mama, werde ich machen. Denn, wann immer ich meine beiden Eltern gefragt habe, wie ich mich für all das, was sie für mich getan haben, jemals revanchieren könnte, haben sie stets gesagt: „Es gibt nix zum Zurückgeben, du gibst es deinen Kindern weiter.“


Ich kenne mich leider wirklich nicht aus bei den Schwammerln. War ja auch nicht notwendig, ich hatte ja meinen Meister immer dabei. Aber, ich habe eines vom Papa gelernt: Hinschauen. Auf die Struktur, auf die Umgebung, auf die äußeren Einflüsse, auf die sichtbaren und auch scheinbar unsichtbaren Gegebenheiten. Und dann nochmal hinschauen, weil beim zweiten Blick sieht man immer noch andere, facettenreichere Details. Und manchmal, da macht es Sinn zu warten und später nochmal hinzuschauen. Bei den Schwammerln. Und überhaupt im ganzen Leben.


Und eines, meine liebe Mama, verspreche ich dir: Den ersten Bissen beim nächsten Schwammerlgericht, den mache ich.


Auf die Schwammerl. Auf den Mut, hinzuschauen. Und reinzubeißen.


In diesem Sinne,


Alles Liebe,

eure Barbara



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