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Over-Mum [Über-Mama]

„Kommt´s Kinder! Anziehen! Fertig machen! Es geht lohooooos!“


Hab ich mich schon zwei Milliarden Mal rufen hören.


Nur nicht an diesem Tag.


An diesem Tag ist es nämlich passiert.


Ich hab sie gerufen, ein einziges Mal. Alle drei Mädels sind in den Vorraum gekommen. Die zwei größeren haben sich ganz selbständig ihre Sachen geschnappt und angezogen, der Kleinsten habe ich beim Anziehen geholfen. Und in Null Komma Nix stehen da plötzlich drei gekleidete, abfahrbereite, gut gelaunte Kinder vor mir.


Ich kann es selbst kaum fassen.

Das Abschiedszeremoniell noch einhalten:

(1) „Bussi, Mama!“
(2) „I au Bussi“
(3) „Meins geb ich dir als letztes“

Und mit einem sanften Händedruck an der Wirbelsäule entlang schiebe ich sie gezielt Richtung Haustür.


„Mami, talt!“

„Ja, Schatzi, kalt ist es draußen!“

„Sooooo talt!“

„Ja, richtig kalt, brrrr!! Der Sommer ist vorbei. Weißt du? Jetzt ist Herbst. Da ist es dann immer kälter. Muss man sich warm anziehen, gelt? Also dann, ihr Lieben, tschüühüüß! Habt viel Spaß!“.


Vorsichtig die Tür von innen geschlossen. Alle sind weg.


Unglaublich! Ich bin nicht nur baff, ICH bin total stolz! Mein Mann würde mit den Kindern wegfahren und ICH pünktlich zu arbeiten beginnen. Nicht eine halbe Stunde später, nicht mal 10 Minuten, sondern pünktlich! Und das Ganze ohne Geschrei, ohne Gezeter, ohne Diskussionen oder Streitereien - ohne 45 Minuten Vorlaufzeit.


Total smooth, ruhig, entspannt.


WOW! Denk ich mir. So coool!


DAS – meine Damen und Herren – haben wir noch nie geschafft. Ich fühl mich heldenhaft!!


Mich ist sofort dieses Bounty-Werbung Gefühl überkommen: Leichte Brise am Meer, das Geräusch von sanften Wellen im Ohr, mein wallendes Haar im Wind, mit einer Hand halte ich meinen weißen Schlapphut, mit der anderen mein wehendes weißes Kleid, barfuß tänzelnd im weißen Sand, im Hintergrund der türkise Horizont.


Und mit diesem Gefühl bin ich schon am Weg Richtung Kaffeemaschine, um mich dafür zu belohnen, dass ich Super-Mama!!! es geschafft habe, 3 Kinder (in Worten: drei!) komplett stressfrei, sanft und liebevoll in time! [sic!] anzuziehen, fertig zu machen, zur Tür zu begleiten um jetzt hochkonzentriert und in Ruhe arbeiten zu gehen.


„Eigentlich“, denk ich da so bei mir „wär das schon fast einen Sprudel wert. Nicht nur Kaff…“

Den Rest kann ich nicht mehr zu Ende denken, da klopft es wild an der Tür.

„Mami, Mami!“

Ich seh ihn schon dahinfliegen den weißen Hut, öffne zögerlich aber mutig die Eingangstür. Davor stehen zwei grinsende und ein verwirrtes Kind: „Du hast vergessen, der Maus die Schuhe anzuziehen!“


Von „Super-Mama“ zu „Mum of the year“ in unter einer Minute.

YESSSSSSSSS.


Was soll ich sagen? Das bin ich. Das ist mein Leben.

Weniger die Bounty Werbung. Eher so in Richtung Frolic. Bunter Hund, wild hüpfend im Rasen, stolpert ob seiner langen Beine quasi über sich selbst und landet Kopf voran im Hundenapf. Oder so.


Wisst ihr, endlich hatte ich einmal das Gefühl, ich hab´s wirklich im Griff. Und tatsächlich werde ich oft von anderen Mamis gefragt, wie ich das denn alles schaff: 3 kleine Kinder UND Job UND Ausbildungen UND ein bissal Geburtstagskuchen da und Basteleien dort.

Und meine Antwort ist dann jedes Mal ein sehr ernüchterndes:

„Eh nicht! Ich schaff´s eh nicht!“.


Aber eben vorhin dachte ich, ich wär SSSSSSSSSSO kurz davor.


Mir ist schon bewusst, dass der Tag nur 24 Stunden hat und dass mein Kopf permanent voll ist mit Informationen und ich deswegen auch gerne mal was vergesse und dass man halt manche Dinge besser kann als andere und das es mal bessere und mal schlechtere Tage gibt.


Aber wisst ihr, einmal, ein einziges Mal in meinem Leben möchte ich auch so eine Super-Mama sein. So eine, die 3 Wochen nach der Geburt im Laufschritt ihre Zwillinge 10km durch den Ort schiebt UND dabei lächelt. Die dann, wenn sie wieder nach Hause kommt, schlank und rank mit frisch geduschten Beachwaves eine wirklich gesunde, ausgewogene, mit dem aus dem eigenen Garten liebevoll gezüchteten Obst und Gemüse lecker schmeckenden Mahlzeit zubereitet, die nicht nur sensationell schmeckt („Wow, Mama! Mit Quinoa! Ich liiiieeebe Quinoa!“) sondern auch noch tatsächlich das Auge anspricht und nicht aussieht, als hätte die Mahlzeit schon mal wer gegessen.


Die keinen Fernseher hat und auch gar keinen braucht, weil sie sich den ganzen Tag aktiv mit den Kindern auseinandersetzt, ihnen vorliest, mit ihnen bastelt, in den Garten rausgeht und singt und tanzt. Die ihren Kindern auch alle Wünsche an Freizeitaktivitäten erfüllen kann, weil sie es schlichtweg schafft, so organisiert zu sein, dass sich alles immer gut und stressfrei ausgeht und dann auch noch Zeit für sich selbst findet und am Abend dann noch total entspannt in den Yoga-Kurs geht.


Die auch dann noch ruhig und gelassen bleibt, wenn sich ein Kind gerade das volle Salatschüsserl aufsetzt, während das andere vor einem steht und sagt: „Oh oh, Lulu macht.“

Die ganz genau weiß, was zu tun ist, wenn zwei Kinder mit den Einkaufswagerln ein Wettrennen durch die Supermarktgänge machen und sich das dritte vor der Schokovitrine auf den Boden wirft und brüllt, weil es nicht die ganze Vitrine mit nach Hause nehmen darf.


Die auch den hundertsten Streit zwischen zwei Geschwisterkindern ganz sanft und wohlbedacht so unterstützen kann, dass die Kinder selbst in die Lösung kommen und es gar keine Unterstützung von den Erwachsenen mehr bedarf.


Die NIEMALS die Contenance verliert und nicht die Fenster im Haus schließen muss, weil sie weiß, dass es jetzt gleich sehr laut werden wird (und darauf vertraut, dass die geschlossenen Fenster die Schwingungen des Schalls schon tragen werden).



BOAHHH! So gern! Einmal!!! Ein einziges Mal möchte ich auch so eine Über-Mama sein!


Alle, ok, nicht ALLE, aber SOOOOO VIELE andere schaffen das ja auch! Also?


Also hab ich schon viiieeeele Bücher, Artikel und Blogs gelesen, viele Podcasts und Hörbücher gehört, so manche Weiterbildungen dazu gemacht, viel ausprobiert, ausgetauscht, nachgefragt. Was haben meine Kinder schon alles mit mir mitmachen ausprobieren dürfen. SCHRECK Herrlich!


Aber zusammengefasst kann ich es nur abtun mit den Worten:


CHAN-CEN-LOS


Und dann stell ich mir immer wieder die Frage: Warum geht das anderen so leicht von der Hand? Wie schaffen die das alles? Warum sind andere Mamis immer schön UND sportlich UND locker UND lustig UND entspannt UND organisiert UND kreativ UND bleiben auch in stressigen Situationen immer ruhig und gelassen UND haben einen super Job UND machen tolle Ausflüge mit den Kids UND fahren immer alles mit dem Radl, schreien NIE und KOCHEN AUCH NOCH GESUNDES ESSEN, DASS DIE KINDER TATSÄCHLICH ANRÜHREN?????


WIE VERDAMMT NOCHMAL GEHT DAS?







Stille.

Ich hab mich dann relativ lange zwischen Resignation und neuen Anläufen hin- und her bewegt und bin dann, recht zufällig, bei einem Vortrag gelandet, an dem ich, zugegebener Weise nicht primär wegen des Thema´s hingegangen bin (es ging darum, wie Erziehung gelingen kann), sondern vor allem deswegen, weil den eine ganz tolle Frau gehalten hat, die ich sehr schätze und die ich gerne wieder einmal treffen wollte. (Und weil ich einen Abend frei bekommen hab).



Und rund um mich saßen - ganz klassisch - 15 andere Frauen und 1! Mann. Und im Laufe des Abends haben dann auch die Teilnehmer von sich und ihren eigenen Herausforderungen gesprochen und eben auch ich über meine.

Sinngemäß habe ich gefragt, was ich denn alternativ tun könnte, wenn ich merke, dass schon alle Sackerl im Haus voll gesprochen sind, dass es keines mehr gibt, in das man noch hineinreden könnte und sogar die großen blauen Ikea-Säcke bis obenhin angefüllt wären und ich dann merke, dass sie gleich dahin ist, meine Contenance und ich schon zielgerichtet Richtung Fenster gehe, um es zu schließen, weil ich merke, dass ich gleich selber sehr laut werde?


Und die Antwort war:


„Mach´s wieder auf.“

LOVE. LOVE. LOVE.

Ich frag mich wieder mal, ob´s stimmt, dass es keine Zufälle gibt?


In diesem Format jetzt über Erziehungsfragen zu diskutieren, halte ich für müßig. Ich mein, ganz ehrlich, da kann ich nur verlieren.

Ich verlier gern im Mensch-ärgere-dich-nicht gegen meine Kinder. No prob. Aber wenn mich mein Mann beim Risiko einfach so en passant schnupft, und das, obwohl es nicht mal seine eigentliche Mission war…

Sagen wir mal so: Schwierig… Unser Risiko ist seit mittlerweile 15 Jahren im Kasten ganz hinten und wurde seither nicht mehr angefasst.

Beim Thema Erziehung spielen so viele Werte mit und so viele Glaubenssätze, so viel Generationendenken und auch gesellschaftliche und kulturelle Trends. Da kann man manche Dinge für gut befinden und andere wieder nicht. Dann gibt’s Elternteile, die sind total dogmatisch und andere wiederum im Permanentstadium der Tiefenentspannung. Mich da jetzt einer Diskussion hinzugeben, was richtig und was falsch ist…

Ganz ehrlich – den shitstorm hol ich mir dann doch lieber über einen ehrlichen Einlauf.


Aber eines vereint die Denkweisen, glaub ich, schon immer: Wir machen das, was wir glauben, für unsere Kinder das Beste ist. Ein (für mich) erkennbarer Trend „dieser“ Generation dabei ist aber schon auch, dass wir uns besonders bemühen, dabei auf Offenheit, Diskussionsbereitschaft, Selbstbewusstsein und das Wohl unserer Kinder zu achten. Wir sagen ihnen, dass sie Fehler machen dürfen, ja, dass Fehler wichtig sind, um zu lernen. Wir bitten sie, uns zu erzählen, was sie bewegt und mit uns über ihre Anliegen zu reden, wir erklären ihnen, dass sie Dinge auch hinterfragen sollen und nicht immer alles bloß hinnehmen dürfen.


Soweit, so gut.


Und dann?


Was machen wir Mamis? Wir sitzen zusammen in einem Vortrag zum Thema Kindererziehung und bedanken uns nach Ende der Veranstaltung bei den anderen dafür, dass sie sich so ehrlich gezeigt haben.


Eine Freundin von mir würde sagen: „Und jetzt DU!“


Ich sag mal so: „Mich deucht, des geht sich nicht aus.“


Und folgere mit einem messerscharfen appellierenden Conclusio nach draußen:


Mädels! Wir sind keine Über-Mamis weil wir schön sind und schlau sind und schlank und rank und uns jederzeit alles ganz easy von den Händen geht und auch nicht, weil wir die süßesten, schönsten, bravsten, schlausten, tollsten, witzigsten und erfolgreichsten Kinder dieser Welt produziert haben (eh kloa). Wir sind keine Über-Mamis, weil wir in jeder Situation immer bedacht, gelassen, pädagogisch wertvoll handeln und agieren, weil wir 24h alles kontrolliert, geordnet und vorausschauend planen und umsetzen können und den anderen auch noch zeigen (in Worten oder in Bildern) wie leicht und mühelos uns das alles von der Hand geht.


NEIN!


Wir sind die Über-Mamis, weil wir uns bemühen! Weil wir Fehler machen, nachdenken, ausprobieren, reflektieren, eingestehen und zugeben, gelernt haben, uns zu entschuldigen, erklären, vorzeigen, austauschen, ehrlich und offen sind.

Ich sag´s euch ganz ehrlich: Ich will noch immer eine Über-Mami werden. Aber eine andere, als ich ursprünglich dachte.


Und geh jetzt mal die Fenster öffnen…


Und sollte mal jemand von euch einen Raum brauchen, wo er ehrlich und offen sprechen kann, reflektieren kann, sich austauschen kann – vielleicht nicht nur mit mir, sondern eventuell auch mit einer meiner lieben Kolleginnen, der kann sich gerne melden.


Leere Sackerl gibt’s bei uns gratis, wer noch eins braucht:


Ab jetzt – in der Kremsterstrasse 31 in good old Absdorf.


Ich freu mich wahnsinnig auf euch!

In diesem Sinne,


Alles Liebe,

eure Barbara

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