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Ein Kindergeburtstag ist kein Kindergeburtstag

Aktualisiert: 27. Jan.

Ich liebe Sprichwörter. Ich weiß gar nicht so genau, warum. Aber vielleicht einerseits, weil sie diesen Hauch Eloquenz versprühen und zum anderen, weil ich so spannend finde, woher sie kommen oder wie sie entstanden sind. Gut, wenn man in Latein jetzt nicht ganz so abgestunken hätte, wie ich es habe, würden manche davon nicht nur einen Hauch Eloquenz, sondern auch noch einen Funken Intellekt versprühen.


Jahrzehntelang habe ich auf den Augenblick gewartet, an dem ich ein tiefgründiges, ja schon fast schöpferisches „Alea iacta est!“[1] ins Gespräch werfen könnte. Hat sich einfach nie ergeben. Und über die Jahre hat sich mein Lateinwissen dann auch immer mehr auf die fünf lateinischen Floskeln aus den Asterixhefteln reduziert.


„Cave canem!“[2] könnt ich noch anbringen. Aber nachdem ich niemanden kenne, der sich davon noch beeindrucken lässt, ist der Schlager auch irgendwie hinfällig.

Wie auch immer, zu meinem Glück ist das Sprachenthema ja auch eine Generationenfrage (und Intellekt sowieso überbewertet).


Schön, dass manche Dinge einfach vergehen und es vollkommen wurscht ist, wenn man es irgendwie nie beherrscht hat. Fake it until you make it. Oder until nobody needs it anymore.

Steno zum Beispiel. War ich auch ganz vorn dabei. Nicht.


Beruhigend auch zu wissen, dass ich bis dato keinem Jugendlichen (nächste Generation) begegnet bin, der an mir vorbeischreitet, sich seine Tunika um den Hals wirft und mir mit theatralisch erhobener Hand sowas zuwirft, wie: „Roma locuta, causa finita.“[3]


Es hat sich alles irgendwie mehr ver-englischt. Zu meinem, so muss ich gestehen, Wohlwollen. Weil die Sprache versteh ich auch ein bissal besser. Und selbst wenn nicht, „No shit, sherlock“ muss man weder übersetzen, noch interpretieren und kann man jederzeit so en passant einwerfen. Herrlich. Vielleicht nicht eloquent, aber zumindest vermittelt man dabei nicht den Geruch von Verstaubtheit.


Sorry an alle bekennenden Lateiner und Griechen an dieser Stelle. Aus mir spricht vermutlich nur der pure Neid. 


Es gibt ja auch genügend deutschsprachige Sprichwörter. Eine häufig benützte Redewendung im österreichischen Sprachraum ist zum Beispiel die oft benützte Andeutung des Egalseins: „Es ist mir blunzn“ oder „Es ist mir wurscht.“ Das etwas auch Blunzn (Blutwurst) sein kann, führt auf die Wurst zurück, das leuchtet ein. Aber warum etwas Wurst und nicht Marmelade oder Waschmaschine ist, das hat mich schon beschäftigt. Und so habe ich herausgefunden, dass es daher rührt, dass früher Fleischhauer, „die nicht genau wussten, was sie mit den Resten oder Überbleibsel eines geschlachteten Tieres machen sollen, den weiteren Werdegang des zum Teil minder wertvollen Fleisches mit dem Satz "ab in die Wurst damit" beschlossen. Aus der Gleichgültigkeit heraus, entstand“ also nicht nur die Redewendung, sondern auch die Grundmalzeit vieler Österreicherinnen und Österreicher, nämlich „die innig geliebte Wurst“[4]


Großartig.


Neben den großartigen Sprichwörtern gibt es allerdings auch genügend Sprichwörter und Redewendungen, die ich zwar grundsätzlich verstehe und auch noch nachvollziehen kann, woher sie kommen, die aber meines Erachtens überhaupt keinen Sinn ergeben.

Mein Favorit dabei: „Schlafen wie ein Baby.“


Ich frage mich tatsächlich immer wieder: Wer hat´s erfunden? Und warum zum Teufel hat es sich so verbreitet?

Ich hab´s EXTRA! nochmal nachgeschlagen, nur um ganz, ganz, ganz sicher zu gehen, dass ich mich da nicht irgendwie verhaut hab oder so. Und es ist, wie ich es mir schon dachte, „schlafen wie ein Baby“ soll tatsächlich bedeuten, dass jemand tief und fest schläft.


Whaaaaat?


Was mich gleich zur nächsten Redewendung führt: „Wüst mi pflanzn?“ Dazu haben meine Recherchen leider keine Herkunftserklärungen ergeben. Was aber wurscht ist (Bedeutung siehe oben), weil meine Kinder das als Baby einfach nie gemacht haben. Tun sie heute teilweise noch nicht. Und ich hab 3. Drei (in Worten). Was, wie ich finde, schon ein recht gutes Sample ist.


Lediglich bei dem Gedanken an das Thema krieg ich graue Haare. Und alle die, die mir jetzt erzählen (wollen), dass ihre Kinder mit so fünf Monaten durchgeschlafen hätten, vielleicht auch noch im eigenen Bett, so ab 18:00/19:00 herum und dann zwar früher aufgestanden wären (so um 7:00, 8:00 in der Früh), für die hab ich jetzt nur ein eloquentes (alles andere an dieser Stelle wäre selbstredlich sehr unpassend und würde mit f… beginnen und mit off enden): Mimimi.


Meine Kinder sind im Schnitt zwischen 3-8mal pro Nacht wach geworden, um dann um 5, bestenfalls 6 herum hellwach zu sein und gemütlich und ausgeruht in den Tag zu starten.

Es gab Zeiten in meinem Leben, da war mein einziges Hobby schlafen. Ok, gehört noch immer zu meinen Top drei Hobbies, aber damals war es ein Grundbedürfnis. Und ich habe mich so weit trainiert, dass ich, egal in welcher Haltung an welchem Ort egal wie lange schlafen konnte. Jede Minute – perfekt ausgekostet. Ich und die Pferde – auf einer Wellenlänge. Niederlegen war für Beckenrandschwimmer. ICH konnte das im Stehen, ein Bein geknickt, Kopf gesenkt, gedöst. EASY.


Was mich zu einer weiteren deutschen Redewendung bringt, die für mich absolut keinen Sinn ergibt, aber mich quasi verfolgt, nämlich: „Das ist ja ein Kindergeburtstag.“ Auch hier kann ich es kaum fassen und habe deswegen extra nochmal recherchiert (a) um meiner wissenschaftlichen Hintergrundarbeit Genugtuung zu leisten und b) um mich ja nicht zu blamieren). Und ja, auch hier kann ich wieder bestätigen, dass es tatsächlich bedeuten soll, dass es sich um etwas handelt, das eine Kleinigkeit ist, das harmlos ist, das leicht durchführbar ist.[5]


Ein Kindergeburtstag? HARMLOS???

Ein Kindergeburtstag ist weder eine Kleinigkeit, noch harmlos, noch leicht durchführbar. Ein Kindergeburtstag ist, ist…


Mir fehlen die Worte, so ist das!


Schon allein die Kindergeburtstagstorte ist ein Projekt für sich, das Wochen im Voraus geplant werden will.


Hhhja! Da kannst nicht einfach den Ölz Gugelhupf auftischen.


Schon mal das Wort Fondant gehört? Mein Ende! Und so grauslich. Kommt gleich nach Buttercreme. In mindestens vier verschiedenen Farbnuancen versteht sich.


Mirror Glaze? Candy Drops? Drip Cake? Klingelts da bei wem?


IRRE!


Mein Mann teilt ja unseren Jahreszyklus in der Familie mittlerweile in nur zwei Jahreszeiten: Backzeit und Nicht-Backzeit. Das liegt daran, dass der erste Geburtstag im November startet, im Dezember nebst Advent und Nikolo und Weihnachtskeksen noch weitere zwei Geburtstage reingrätschen, dann gibt es eine kleine Pause, wo sich unsere Bäuche kurz erholen und zusammenziehen dürfen, danach kommt der Fasching (mit selbstgemachten Krapfen versteht sich), ein weiterer Geburtstag im Februar und Anfang April endet dann die Backzeit und geht nahtlos in die Nicht-Backzeit über.


Und 1 Kindergeburtstag entspricht nicht etwa 1 Torte. Hahahahahahaha. Ein Kindergeburtstag entspricht auch nicht einer Geburtstagsfeier. Da gibt’s den eigentlichen Geburtstag, den Geburtstag im Kindergarten/in der Schule, den Familiengeburtstag und dann auch noch die Kindergeburtstagsparty. Und nachdem vier mal drei bekanntlich 12 ergibt, kann man sich jetzt ausrechnen, wie viele Parties, Kuchen/Torten/Muffins/Cupcakes/Cakepops/Cookies und Rouladen (in Regenbogenfarben, versteht sich) im Zeitraum November bis Februar (meinen Mann und mich lass ich der Einfachheit halber mal aus diesem Rechenmodell raus), fällig sind.


Und man kann sich sicher sein, dass für jedes einzelne dieser Events meine Kinder auf Pinterest das passende Gebäck finden.


Strike one.


Aber kommen wir zum Kindergeburtstag. Also präziser zur Kindergeburtstagsparty. Also die, wo die eigenen Kinder (jedes Mal viel zu viele) andere Kinder einladen.

Es beginnt damit, dass sich die Mädels für die Party ein Thema ausdenken. Da gibt’s die Klassiker: Feen, Einhorn, Meerjungfrauen. Dann gibt’s aber auch die Exoten wie: Clown/Zirkus, Detektive, Regenbogen, Unterwasserwelt… Und unter diesem Motto findet dann die ganze Party statt. Von den Einladungskarten, bis zum Menüplan über die Give-aways.


Und üblicherweise startet jeder Kindergeburtstag mit der Diskussion darüber, wie viele Kinder eingeladen werden dürfen. Überraschenderweise hat es sich noch nie ergeben, dass mein Mann oder ich gemeint hätten: „Na kannst noch zwei oder drei dazu nehmen.“


Es gibt ja Eltern, die leben nach der Faustregel Alter des Kindes = Anzahl der eingeladenen Gäste.


Tja.

Wir beginnen mal mit drei eigenen plus zwei fix gesetzte Cousinen – sind mal 5. Dann gibt´s noch einen sehr engen Freund der ganzen Familie, der muss jedenfalls mit dabei sein: 6. Und erst dann starten wir mit der Liste der Freunde…


Ich sag mal so: Unter 12 haben wir es noch nie geschafft. Und wer sehr aufmerksam gelesen hat, der hat bestimmt bemerkt, dass sich unsere Geburtstage alle im Herbst/Winter abspielen, das heißt, das wuselt sich auch noch inhouse ab.


Wenn dann die AnzahldermöglichenGästeDiskussion final abgeschlossen ist und wir alle Finger, Zehen und sonstige Rechenmaterialien herangezogen haben, um ganz sicher zu gehen, dass wir uns wirklich nicht verzählt haben, geben wir uns der Auswahl der passenden Einladungskarten hin (selbstverständlich über Pinterest), um dann alle Bastel-/Haushalts-/Baumarktgeschäfte und Co abzugrasen, um das notwendige Material dafür zu besorgen. Es werden dann selbstverständlich auch 12 + Einladungskarten hergestellt, weil die so schön sind, dass das Geburtstagskind und ihre Geschwister selbstredend auch eine haben wollen. Was aber eh schon wurscht ist (Bedeutung der Redewendung siehe abermals oben).


Zwischen Verteilen der Einladungskarten und Startschuss beschäftigen wir uns dann gesamtfamiliär mit den Themen: Deko (Kinder und ich), Schatzsuche (mein Mann ist mittlerweile ein absoluter Pro, das spricht sich mittlerweile im ganzen Ort herum), Torte/Kuchen/Muffins (ich), Essen (Pizzaservice oder Billa Kühlregal) und Bastelarbeiten/aka Give aways (ich).


Was ich jahrelang unterschätzt habe und erst jetzt richtig einzusetzen weiß: Kein Alkohol ist auch keine Lösung. Auch und vor allem ein Kindergeburtstag braucht viel Sprudel und der sollte auch vorab besorgt und rechtzeitig gekühlt werden. Erstrangig für mich und was überbleibt wird gerne mit den anderen Eltern geteilt.


Apropos Sprudel/Eltern: Wusstet ihr, dass es auch sowas wie ein ungeschriebenes Kindergeburtstagselterngesetz gibt? Nicht? Na dann… ich hab´s mal für euch zusammengefasst:


§1 Es ist untersagt, laut ausgesprochene Vergleiche zwischen der eignen und anderen Kindergeburtstagsparties zu ziehen
§2 Offen kundgetane Anerkennung für Torte, Deko und Einladungskarte gehören zu den Grundprinzipien einer ordentlichen Teilnahme
§3 Leises Mitleid mit und/oder Bewunderung für den Gastgebern sehr laut gestikulierend ist angebracht und durchaus erwünscht
§4 Solidarisches Gemeinschaftssprudeln gehört ebenfalls zu den Grundprinzipien einer ordentlichen Teilnahme und ist eine Erweiterung zu §2

Mhm.

Wenn ich so drüber nachdenke: Ist bei Hochzeiten eigentlich genauso.


Jedenfalls ist der Tag der Tage gekommen. Seid Wochen zählen wir den Countdown und nun fragt dich das  Geburtstagskind im 5-Minuten Takt, wann es denn endlich los ginge. Die Deko löst sich mittlerweile schon wieder ab und auf und es klingelt zum ersten Mal an der Tür.


12 Kinder = 12 Jacken, 24 einzelne Schuhe, 12 Skihosen, 12 Pudelhauben, zwischen 23-25 Handschuhen, ein paar Rucksäcke, ein bissal Ersatzgewand, diverse Roller, Räder und selbstverständlich mindestens 12 Packerl voll mit Zeug Geschenken.


Machst du zu viel Programm, sind sie überfordert, machst du kein Programm, zerlegen sie dir die Bude. Es gilt also ein gutes Maß an Aktivitäten zu finden, die bitte fair und ausgeglichen sind. Beim letzten Mal hatte ich zu wenig rosa Flummis, dafür zu viele grüne und orange. Die Party hätte sich fast in seine Einzelteile zerlegt deswegen. Oder einmal, da habe ich das Geburtstagskind gefragt, von welchem Teil der Torte sie gerne ein Stück hätte, woraufhin mir 11 andere Gäste gleichzeitig zugerufen haben, welchen Teil sie gerne hätten und dummerweise 5 der 11 verbleibenden Gäste das gleiche Stück wollten.


Klassischer Anfängerfehler.


Und bei jedem Kind muss es mindestens einmal auf einer Party einen Aiden geben. So will es das KindergeburtstagsAidenGesetz.


Wer, so wie ich, nicht so versiert ist mit ausgefallenen Kindernamen, dem werden folgende Erklärungen weiterhelfen:

a)      es handelt sich um keinen Tippfehler, es bleibt beim A und war nie als O gedacht

b)      habe ich selbstverständlich einen Namen gesucht, der hoffentlich in der Leserschaft nicht so oft Verwendung gefunden hat, um hier niemanden persönlich zu berühren und

c)      hat Aiden die wundervolle Bedeutung, nach der ich gesucht habe: Aiden bedeutet nämlich „Kleines Feuer“


Das KindergeburtstagsAidenGesetz besagt nämlich: Ein jedes Kindergeburtstagsfest braucht mindestens einen Aiden, der etwas – na nennen wir es einmal liebevoll - „Schwung“ in den Kindergeburtstag bringt. Einen, der das Fest nicht langweilig werden lässt, einen, bei dem immer was los ist.


Um dem KindergeburtstagsAidenGesetz gerecht zu werden, braucht es zumindest so viel Schwung, dass mindestens ein Elternteil nur für Aiden abgestellt wird und dafür verantwortlich ist, dass keines der (anderen) Kinder oder Aiden selbst eine gratis Krankenwagenfahrt gewinnt, der auch dafür zu sorgen hat, dass die Haushaltsversicherung nicht überstrapaziert wird und die Stimmung bei den restlichen Partygästen nicht total kippt und eskaliert.


Alle, die jetzt schmunzeln, wissen, wovon ich rede.


Allen, denen ich an dieser Stelle kein Schmunzeln abringen konnten, fehlt entweder die Erfahrung, oder der Humor.


Manchmal sind auch die Aiden Mamas sehr…. interessant. Sie tauchen ganz leise, fast katzenartig auf und stehen plötzlich an deiner Tür. Schieben das Kind vor sich her, sanft, aber bestimmt durch die Türschwelle hindurch, bleiben an dieser kurz stehen, setzen dann noch ihr bestes gut gemeintestes (Katzen)lächeln auf und sagen dann sowas, wie: „Du, der Aiden isst am liebsten Palatschinken. Ich mach ihm die ja immer in Regenbogenfarben. Hahahahaha. Aber das musst du eh nicht. Nur Erdebeermarmelade sollte es schon sein. Marille mag er nämlich üüüüüüberhaupt nicht. Kiiiinder. Ahahahaha. Du und wenn´s geht, so um halb 3 herum würds gut passen. Da ist er immer volll hungrig. Sonst wird er ganz hibbelig, gell Schatzi? Hahahahaha. Na passt. Du, dann wünsch ich euch noch eine gaaaaanz tolle Party, gell?! Genießt es und dir liebes Geburtstagskind alles, alles Gute! Tschüsssi und bis später dann! Bussi, Spatzerl! Hab viel Spaß!“. Und genauso leise und fast unbemerkt sie erschienen sind, genauso schleichen sie dann auch wieder schnurrend von dannen.

 

Einmal, da habe ich eines meiner Kinder von einer anderen Kindergeburtstagsparty abgeholt. (Auch das gehört eigentlich zu den ungeschriebenen Kindergeburtstagspartygesetzen: Lass die Eltern wieder gehen, wenn sie es möchten. Sie brauchen den freien Nachmittag, sie lechzen danach und werden sich bei dir mit einer Einladung zu ihrer Party revanchieren). 

Beide Elternteile schwerst im Einsatz, der Geburtstag schon weit fortgeschritten, alle ausgepowert und müde, bis auf die Kinder. Torten, Muffins, Pasta, alles war irgendwo verteilt, so auch die Partygäste. Das kleinere Brüderchen komplett verheult, weil schon total übermüdet, das Geburtstagskind den Tränen nahe, weil das überhaupt nicht die Geschenke waren, die es sich gewünscht hat, zwei leere Sprudelflaschen lehnten schon in einer Ecke, die dritte noch rosa glitzernd dekorativ im Eiskühler am Rande des Geschehens (liebe Eltern das habt ihr gaaanz richtig gemacht!). Die Kinder verteilt auf dem ganzen Areal: Zwei auf den Bäumen, zwei bis zum Hals in der Sandkiste vergraben, zwei am Klo, zwei im Pool und zwei heulend/fast heulend.


Eine Freundin des Hauses hat mir dann die Tür geöffnet, weil beide Eltern händeringend, schwer schwitzend abwechselnd durch den Garten gelaufen sind, um irgendein Kind vor irgendwas zu bewahren (oder ihre eigenen Habseligkeiten zu schützen). Als mich dann die Mutter gesehen hat, drückt sie mir ungefragt recht unsanft ein Glas rosa Sprudel in die Hand, schenkt sich selbst nochmal ordentlich nach und zischt durch ihre zusammengepressten Lippen: „Der Aiden ist so ein Oaschloch-Kind!“.


Weil ich ja weiß, was sich gehört, habe ich mich zuerst zur Seite gedreht, um dann erst den Sprudel prustend wieder auszuspucken. Man spuckt seinen Gastgeber einfach nicht an. Zur Beruhigung habe ich dann versucht, der Mutter meine gut gemeinte Theorie über das KindergeburtstagsAidenGesetz zu erläutern, was in dem Fall denke ich, ob dem vorangeschrittenen Gemütszustand, nicht mehr ganz so gut gewirkt hat. Ein weiteres Gläschen rosa Sprudel – und die Tatsache, dass Aiden`s Mama Aiden abgeholt hat (ohne angebotenen rosa Sprudel) – hat in der Situation tatsächlich mehr Wirkung gezeigt.


Es ist ja so, auch wenn´s bei der Party gerade drunter und drüber geht, als bemühte Eltern versucht man sich tatsächlich nicht nur an maximaler Schadensbegrenzung, sondern ist üblicherweise auch daran interessiert und bemüht, das Kind (=Aiden) so weit wie möglich zu integrieren und auch für dieses Kind einen lustvollen, spaßigen Nachmittag zu gestalten.


12 Kinder, 1 Aiden, Spiel und Spaß, 2+ Erwachsene, 1 Nachmittag im Jahr zwischen 3-5 Stunden

versus

23 Kinder, 2+ Aidens, 1 Bildungsauftrag, 1 – maximal 2 Erwachsene, mindestens 4 Stunden am Tag, 5 Tage die Woche

Plus: Eltern mit ihren Anliegen.

Und wir haben teilweise viiiieeele Ideen. Guuuute Ideen. Bunte Palatschinken für allleeee! Jippiiieeehhhhhh!


BAMMMMM


So wie jeder österreichischer Fußballer der bessere Schiedsrichter ist oder jeder Vater/Schwiegervater der bessere Häuselbauer, so sind wir Eltern oft (vermeintlich) die besseren Lehrer oder Pädagogen. Manchmal, da haben wir eben ganz viel Meinung.  


Selbstverständlich sind es nicht immer nur Palatschinkenanliegen. Das ist mir schon klar. Ganz oft geht es auch um gut nachvollziehbare Wünsche und Anliegen, die das eigene Kind betreffen oder auch Sorgen, die sich Eltern machen.


Was mir dabei aber häufiger auffällt sind zwei Dinge:

1.      Sätze von uns Eltern, die mit den Worten „Das kann ja net so schwer sein, die müssten ja nur…“ beginnen und
2.      Gruppen, in denen Themen/Probleme besprochen werden, wo aber die, die´s betrifft oder die, die´s lösen könnten, nicht involviert sind

 

Eine Gruppe oder eine Klasse mit 25 Kindern zu leiten, wovon vielleicht auch noch zwei oder mehr Kinder besondere Bedürfnisse haben, die nur von einer oder maximal zwei Personen geführt wird, wo es auch noch gilt einen Lehrauftrag oder Bildungsauftrag zu erfüllen, ist KEIN Kindergeburtstag.

 

Deswegen an dieser Stelle erstmal ein:


Eeeeineee Laaaaanzeeee für die Leeeehreeer und Pääädagooogeeeen!!!


WHOHOOO!

 

Möglicherweise gibt es jetzt an dieser Stelle das eine oder andere „Ja, aber Lehrer/Pädagogen müssen das doch können. Das ist ihr Job!“


J E I N. (Klingt auch irgendwie eloquent, wenn auch super mega verstaubt)


Lehrer werden grundsätzlich dazu ausgebildet, Inhalte zu vermitteln, Pädagogen dazu, die kindliche Entwicklung zu fördern.

Weder Lehrer noch Pädagogen sind Psychologen, Therapeuten oder Ärzte. Deswegen müssen sie Verhaltensstörungen weder diagnostizieren, noch behandeln können. Aber: Sie müssen jeden Tag damit umgehen.


Und DAS ist wirklich eine Herausforderung. Und wer schon einmal einen Aiden* Kindergeburtstag gefeiert hat, der kann jetzt vermutlich nachvollziehen, was sich da alles abspielen kann.


*an dieser Stelle sollte ich einmal anmerken, dass Aiden wirklich ein armer Knuff ist, der sich oft weder erklären kann, was da abgeht, es meist selbst nicht steuern kann und ihm auch nicht wurscht ist, wie mit ihm umgegangen wird. Auch wenn es von außen auf den ersten Blick oft nicht erkennbar ist, wenn man näher hinsieht, sieht man erst, wie anstrengend das für alle Beteiligten ist und wie sehr die Beteiligten darunter auch oft leiden. Nämlich nur Familie, Freunde und Lehrer, vor allem auch das Kind.

 

Zu zweitem Punkt (Gruppen, in denen Probleme besprochen werden, wo aber die, die´s betrifft oder die, die´s lösen könnten, nicht involviert sind) möchte ich noch sagen:




Kein Zitat passt an dieser Stelle besser, als das von unserem Herrn Bundespräsidenten, wo er sinngemäß gemeint hat:

Ein bissal mehr miteinander und ein bissal weniger übereinander reden.

Immer wieder habe ich beruflich die Möglichkeit mit Lehrern von Schülern, die zu mir in die Lernberatung kommen, zu sprechen, mich auszutauschen (selbstverständlich mit Einverständnis der Eltern und der Lehrer). Und oft handelt es sich bei diesen Gesprächen um Kinder mit größeren, teilweise markanten schulischen Schwierigkeiten.


Und ich habe während meiner ganzen Laufbahn noch nie erlebt, dass sich ein Pädagoge oder ein Lehrer nicht die Zeit genommen hat, unkooperativ war oder sich abwertend geäußert hätte. Genau das Gegenteil war bis jetzt immer der Fall. WIRKLICH! Meistens nehmen sich diese Lehrer sogar noch in ihrer Freizeit Zeit für Gespräche mit mir, sie sind an gemeinsamen Lösungen interessiert. Sie sind daran interessiert, dem Kind zu helfen, offen für Ideen und Anregungen, manchmal haben auch sie Wünsche und auch ich darf meine äußern. Man merkt, dass ihnen das Wohl dieses Kindes wirklich am Herzen liegt.


Und meine persönliche Erfahrung ist die, dass alleine die Tatsache, dass wir geredet haben, schon so viel auslöst. Weil wir dann plötzlich im Gespräch stehen, und signalisieren, dass wir gemeinsam eine Lösung finden wollen, uns austauschen, zusammen helfen: Die Kinder, die Eltern, die Lehrer und gegebenenfalls externe Dritte, wie ich.


Manchmal, so habe ich den Eindruck, fehlt uns Eltern vielleicht auch ein bissal der Mut, Dinge anzusprechen oder vielleicht auch Wünsche zu äußern. Manchmal, da ist es für uns eine Hürde, auf Lehrer oder Pädagogen zuzugehen und das Gespräch zu suchen. Vermutlich geht´s auch den Lehrern und Pädagogen in manchen Situationen ähnlich. Aber wenn man sich auf Augenhöhe begegnet, wenn man Informationen austauscht und gemeinsam Ideen kreiert, was man noch versuchen könnte, um das Kind zu unterstützen, dann gelingt garantiert ein wirklich konstruktives, wertvolles und wertschöpfendes Gespräch, das alle Beteiligten einen Schritt weiterbringen wird.


No shit, sherlock.

 

In diesem Sinne,

 

Alles Liebe,

eure Barbara

 

 

 


[1] „alea acta est“ bedeutet: Der Würfel ist gefallen. Damit wird eine „Situation beschrieben, deren Ereignis/Handlung/Ausgang nicht mehr beeinflusst werden kann“.  Siehe dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Alea_iacta_est, Stand 16.01.2024

[2] „Cave canem!“ bedeutet: Hüte dich vor dem Hund. Siehe dazu auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Cave_canem, Stand 16.01.2024

[3] „Roma locuta, causa finita.“[3]“, lat.: Rom hat gesprochen, der Fall ist entschieden.

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