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Lauter Einser

Aktualisiert: 13. Juni

Es ist schon eine Zeitlang her. Muss so kurz vor der Jahrtausendwende gewesen sein.

Plus minus halt.

Also damals, als ich noch in die Volksschule gegangen bin.

Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre.


Sag ich ja. Kurz vor der Jahrtausendwende.


Jedenfalls war das zu einer Zeit, wo man noch IN die Volksschule gegangen ist. Meine Kinder gehen ja mittlerweile ZUR Volksschule.


Wobei ich sagen muss, dass ich nicht zu den Eltern gehören, die sich darüber brüskieren, dass ihre Kinder kein österreichisches Deutsch mehr sprechen (können). Unsere Sprache hat sich mit jeder Generation verändert. Bei meinem Großvater gings mir teilweise wie mit dem schottischen Englisch. Stellenweise war ich mir nicht sicher, ob wir uns noch in derselben Sprache unterhielten.


Aber, bei ein paar Wörtern, da bin ich lustiger Weise heikel. Und da gibt’s auch keinen Algorithmus dafür. Ein paar sind mir wurscht, ein paar find ich lustig und ein paar gehen einfach gar nicht. Gar nicht geht zum Beispiel „DIE Cola“. Das ist eindeutig der falsche Artikel. An alle meine Freunde im Westen Österreichs und in Deutschland, ich weiß, ihr seht das vermutlich jetzt ganz anders. Der Duden hält es da wie die Schweiz, er sagt, beides wär möglich.


Eimer. Geht gar nicht. Das ist und bleibt der geliebte Mistküwe. Das können nur noch die OÖs mit Müstküwü toppen.


Großes Herz.


Bei Lebensmitteln bin ich auch ein bissal heikel, wobei meine Recherchen ergeben haben, dass es durchaus verschiedene Arten gibt und beide Begriffe vermutlich jeweils falsch verwendet werden. So zum Beispiel bei der Zwetschke und der Pflaume.

Dann gibt es die Lebensmittel mit unterschiedlichen Begriffen. Erdäpfel zum Beispiel. Macht doch total viel Sinn das Wort, oder?

Kartoffel? Anyone?

Oder auch Paradeiser. Kommt vom Paradiesapfel. Klingt einleuchtend.

Tomate…?


Vermutlich hätten weitere Recherchetätigkeiten auch zu sinnvollen Ergebnissen bei Tomate und Kartoffel geführt. Aber man soll ja bekanntlich aufhören, wenn´s am schönsten ist.


Wir Ostösterreicher mögen offenbar die Äpfel und alles, was mit dem Wort zu tun hat. Wobei ich mit meinem Großvater stundenlang debattieren konnte, ob es „Öpfe“ oder „Epfe“ heißt. Das hatte nicht nur generationentechnische Hintergründe, sondern auch geografische. Zwischen seinen Öpfen und meinen Epfen lagen immerhin vier Ortschaften und ein Bezirk.


Mein Mann kommt ja ursprünglich aus der Bundeshauptstadt und behauptet ja, wir Kinder aus dem Osten hätten einen I-E-Fehler. Das führt er darauf zurück, dass wir statt „Kerzen“ „Kiazn“ sagen und statt „Pfirsich“ „Pfeascha“. Oder Keaschn. Von denen wir heuer im Übrigen im Überfluss haben.


Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja. Bei DAMALS.


Damals, als ich mit meinen Epfen noch IN die Volksschule gegangen bin und mein Schneiztiachl noch in den Mistküwe gschmissen hab.

Da waren viele Dinge noch etwas anders. Keine Sorge, nicht besser, nur anders. Bei „früher war alles besser“ krieg ich immer so einen Hautausschlag. Weiß auch nicht, warum. Sollte ich gegebenenfalls mal bei einem Arzt abklären lassen. Histamine vielleicht?

Zu der Zeit anders waren zum Beispiel die Einstellung zur politischen Correctness. (siehe "Welcher Dinosaurier bist du?“ – und andere essentielle Fragen über das berufliche Glück“). Die Mode. Das Geld. Die Traditionen. Alles viel religiöser. Katholischer, versteht sich. Von anderen Religionen haben wir ja eigentlich erst in der Unterstufe erfahren. Die Überraschung war groß, kann ich euch sagen. Damit war ja nicht zu rechnen.

 

Anders waren aber auch die Schule und die Schulzeit. Die Lehrinhalte, die Didaktik, die Pausen und Pausenregelung. In unserer Schule mussten wir zum Beispiel mit den Pausenbroten in der Hand vor der Schule immer im „Schulhof“, das eigentlich kein Hof war, sondern ein großer, asphaltierter Platz vor der Schule, also eigentlich ein „Vor-Schulplatz“, im Kreis gehen. Immer rundherum.

 

Als ich meinem Mann damals, vor vielen Jahren, das erste Mal davon erzählte, hat er recht irritiert reagiert und wollte plötzliche mehr über meine Kindheit wissen. Er sah offenbar gewisse Parallelen zu bestimmten Sicherheitseinrichtungen…

 

Anders war auch der Umgang mit schwer auffälligen Kindern. Die hatten üblicherweise im Durschnitt mehr Wochenstunden als wir und verbrachten auch relativ gesehen mehr Stunden auf einem Sitzplatz VOR der Klasse, als IN der Klasse.

 

Und anders war mit Sicherheit auch die Notengebung. Zumindest in der Volksschule. Ohne wissenschaftliche Recherchetätigkeiten und qualitativen Interviews mit der Berufsgruppe von damals geführt zu haben, wage ich zu behaupten, die Noten in der VS (zumindest in der Klasse 1-2) wurden damals anders vergeben und hatten auch eine andere deskriptive Beschreibung, als heute.

 

Grundsätzlich unterscheiden wir in Österreich, damals wie heute, zwischen Schulnoten und Verhaltensnoten und innerhalb dieser wiederum anhand einer 5-stufigen Skala, wobei jeweils die Stufe 1 die beste zu erreichende Stufe ist und die Stufe 5 die schlechteste. Bis in die 70er Jahre gab es noch eine 4E, das war eine 4 mit Ermahnung, die aber auch nur im Semesterzeugnis vergeben werden konnte. Spätestens zum Jahresende hat es sich abgemahnt. Dann gab es nur noch 4 oder 5. Zack oder prack sozusagen. Irgendwann hatte man wieder genug vom Ermahnen, dann wurde die 4E auch wieder abgeschafft.

 

Verhaltensnoten gabs auch schon immer, die haben in der Zwischenzeit lediglich ihren Namen geändert (zu meiner Zeit waren sie noch unter dem Pseudonym „Betragensnoten“ bekannt), sich inhaltlich meines Wissens aber nicht verändert und lauten nach wie vor gleich auf 1-Sehr zufriedenstellend bis 5-Nicht zufriedenstellend.

 

Einige Lehrer unterschieden und unterscheiden damals wie heute noch in Zwischenschritten, die allerdings nicht einheitlich definiert sind und so gibt es nach altem österreichischen Brauch einen Wildwuchs an zusätzlichen Möglichkeiten. Da gibt es zum Beispiel: 1~, 1-2, 1-, römisch Eins, 1+ oder 1!. Es gibt auch ein 1 mit Sternchen.

 

In der ersten Klasse VS meiner Tochter gibt es auf Schul- und Hausübungen dann auch noch (O-Ton): „was Dazu-Geschriebenes“, „einen Stempel“, „ein Pickerl“ und „was Dazu-Geschriebenes mit einem Stempel UND einem Pickerl“. Das dürfte dann die ultimative „Bestnote“ sein. Hätte ich zumindest so von meiner Tochter verstanden.

 

Die Skalierung ist damals wie heute gleichgeblieben, aber die Bedeutung und die Zusammensetzung der Note haben sich über die Jahre verändert.

 

Zum besseren Verständnis wage ich mich über einen Überblick und Vergleich über das Schulnotensystem der letzten ca. 35 Jahre. Oder so. 


*Anmerkung: Die Betragensnote wurde in der Volksschule meistens gleich volée in die Gesamtnote miteinbezogen. Verhalten = Leistung. War vermutlich platz- und zeitsparender.

*1: Unter Rotzpippn hat man damals in gewisser Weise alle Schüler mit nicht angebrachtem Verhalten subsummiert, ungeachtet dessen, welchen Ursprungs dieses Verhalten erwachsen ist

 

Zusätzlich gab es eine verbale Unterscheidung der Beschreibung der einzelnen Schulnoten. So hieß es damals: „Der Einser“, „der Zweier“, „der Dreier“, „der Vierer“ und „der Fetzn“ (die gesammelten Werke der österreichischen Begrifflichkeiten eines Nicht Genügend kannst du auch hier nachlesen: „5, setzn!“). Die Generation HEUTE (was ist es eigentlich? Fängt es nach Z wieder bei A an und sind wir jetzt bei C oder so? Oder werden die Umlaute auch noch miteinbezogen? Generation Äääää?) spricht von „die Eins“, „die Zwei“, „die Drei“ usw. Gewöhnungsbedürftig. Der falsche Artikel.

 

Und wenn man die Generationen miteinander vergleicht, egal welche, aber in meinem Fall zum Beispiel die Generation Y mit der Generation Alpha [ich habs jetzt doch noch nachgeschlagen, es ist tatsächlich die Generation Alpha (2011-2025); Wir merken uns also: Wenn die lateinischen Buchstaben nicht mehr ausreichen, bedienen wir uns der griechischen)], dann dauerts nicht mehr lange und wir finden mit ein bissal Bemühen mit Garantie auch einen kleinen Generationenkonflikt.

 

Guckst du. (Generation Alpha)

Schau her. (Generation Y)

 

Bei einem „Sehr gut“ konfliktet es sich zumeist ohnehin nicht. Bei einem Zweier wird’s schon heikler. Bei einem Dreier… uhhhhhh

 

Weil: Einen Dreier, das hats bei uns damals nicht gegeben. Das konnte man sich nur als absolute Rotzpippn verdienen. Das war ein ungeschriebenes Gesetz. Das hätten sich vermutlich die Lehrer auch nicht mal getraut. Zumindest nicht bei uns am Land.

 

Lauter Einser – so sah das übliche Zeugnis aus! Mit Zierzeile. Mit ein bissal Pech hast einen Zweier bekommen. Aber üblicherweise hat man sich den im Jahreszeugnis auch wieder ausgebessert. Zierzeilen gingen immer.

 

Ich hatte damals viel Pech. Bei uns gabs im ersten Halbjahr der 1. Schulstufe nur zwei Noten. Eine Note für Religion und eine Note für alle anderen Fächer.  In Religion hatte ich einen Einser. Singen konnte ich ja. Aber die Hauptnote sozusagen war bei mir ein Zweier.

 

Für mich war das damals einem Weltuntergang gleichzusetzen. Ich hab sie nämlich nicht mehr verstanden. Die Welt. Einen Zweier??? Ich war doch keine Rotzpippn! Nicht mal annähernd!

 

Ich kann mich heute noch genau an die Situation erinnern. Ich war so gekränkt. Und überrascht. Damit hatte ich nämlich nicht gerechnet. Und ich hab geheult. Wie ein Schlosshund. Und hab mich so geschämt. Ich wusste gar nicht, wie ich es meiner Mutter erklären sollte. Meinem Vater hätte ich es ohnehin nicht selbst erklärt. Das hätte schon die Mama machen müssen. Aber ich? Einen Zweier?

 

Ich weiß noch genau, ich bin nach Hause gekommen mit meiner rosa Wolkenschultasche. Das Zeugnis in einer Klarsichthülle in der rosa Wolkenschultasche. Ich hab die Schultasche mehr geschleppt als getragen. So schwer hat sich das Zeugnis angefühlt. Mag vielleicht auch an der Nichtergonomie der damaligen Schultasche gelegen haben. Ich hatte während der Busfahrt nach Hause 30min Zeit mich von dem Schock wieder zu erholen. Ich bin ins Haus hinein, meine Mama stand gerade beim Herd, ich kann mich noch erinnern, dass aus einem großen Topf Wasserdampf aufgestiegen ist. Ich hab mir das Schammerl (= Schämel, Stockerl) geschnappt und mich zu meiner Mama gestellt, sonst hätt ich ja nicht raufgesehen auf den Herd. Und zur Mama. Und dann habe ich angefangen zu erzählen. Und als ich den Mund aufgemacht habe, hat mich wieder mein ganzer Mut verlassen und ich hab wieder geheult. Ich hab tatsächlich nicht verstanden, wie das möglich war. Und das schlimmste war: Alle meine Freundinnen hatten lauter Einser! Alle! Nur ich nicht.

 

Und was hat meine Mama gemacht? Sie hat den Kochlöffel hingelegt, hat mich an sich heran gezogen, mich fest gedrückt, gestreichelt, beruhigt und mir gut zugeredet. Sie hat mich gelobt dafür, was ich alles geschafft habe. Sie hat mir versichert, dass ein Zweier eine sehr gute Note wäre. Sie hat mir auch versichert, dass ich nicht die einzige wäre und das es für mein späteres Leben komplett irrelevant wäre, welche Note ich da jetzt hätte.

 

Ich kann mich noch so gut an diese, vermutlich erste richtig große Enttäuschung in meinem Leben erinnern. Vermutlich aus zweierlei Gründen: Erstens war mir überhaupt nicht klar, wie es zu diesem Zweier kommen konnte. Es fehlte mir also an Transparenz, ich war überrascht, hab es nicht kommen sehen und wusste auch nicht, wie sich dieser Zweier zusammengesetzt hat. Und zweitens wegen der unglaublichen Reaktion meiner Mama. Denn, was sie mir damals gelernt hat ist: Schulnoten sind immer nur eine Beurteilung des erbrachten Könnens (nicht einmal der Leistung) und niemals eine Beurteilung der Person, die dahintersteht. Rotzpippn hin- oder her.

 

Ein Zweier. Heute muss ich darüber schmunzeln. Damals wusste ich ja noch nicht, dass es in meinem Leben noch Zeiten geben würde, in denen ich einen Freudentanz über einen Zweier aufführen würde. Ein paar Jahre später, als Studentin hatte ich dann nämlich ein wesentlich anderes Lernmotto: Durch ist durch. Und alles, was besser ist, als ein Vierer ist ein Luxus, den keiner braucht.

 

What shall I say? Ich hab sogar die Uni fertig gemacht. Und dabei gelernt: Das Zeugnis interessiert wirklich keine S..

 

Ich hab dann meine Mama gefragt, was denn ihres Erachtens die Moral dieser Geschichte sein sollte. Also etwas, das man daraus lernen könnte, das man sich mitnehmen könnte. Und sie meinte daraufhin: „Schau! (sie ist ein Boomer, die sagen auch: „Schau!“). In den ersten 8, 9 Jahren geht es in der Schule hauptsächlich um die Allgemeinbildung. Da gibst Fächer, die interessieren einen mehr und Fächer, die interessieren einen weniger. Das kann man sich aber nicht aussuchen, da müssen alle einmal durch. Und dann kann´s natürlich vorkommen, dass man dort und da auch mal nicht so gut abschneidet. Aber dann, wenn sich´s die Kinder mal aussuchen können (Anmerkung der Redaktion: Sofern sie sich´s tatsächlich selbst aussuchen können/dürfen), dann gehen die ganz anders an die Sache ran. Und dann rennts meistens eh. Und wenns nicht rennt, war´s wahrscheinlich die falsche Wahl.“

 

Ein wunderschöner Gedanke, wie ich finde. Weil es uns Eltern das Urvertrauen gibt, dass unsere Kinder das schon machen werden. Und: Wenn wir unseren Kindern das Vertrauen dafür schenken, dass sie das schon schaukeln, verleihen wir ihnen damit ganz offiziell die Kompetenz UND stärken so nebenbei ihr Selbstbewusstsein.

 

Dreifach gemoppelt. Sozusagen.

 

Und für alle die, die noch im 1-2-Rotzpippn-Modus stecken: Ja, damals wars vermutlich wirklich anders. Damals gab´s ja quasi auch nur drei Noten.

 

Aber – selbstverständlich muss jetzt an dieser Stelle ein dickes fettes AAAABER kommen, weil an dieser Stell IMMER ein dickes, fettes AAAABER kommt.

 

Also:

AAAABER: War das fair(er)? Damals?

 

Ich hab dazu noch eine nette, kleine Anekdote. Und selbstverständlich muss an dieser Stelle auch noch eine nette, kleine Anekdote kommen, denn nach einem dicken fetten AAAABER kommt immer eine nette, kleine Anekdote.

 

Es war einmal…

Bevor ich mich in meinem Lieblingsberuf selbständig gemacht habe, habe ich jahrelang als HRlerin (=Personalistin) in einem großen internationalen Konzern gearbeitet. Dort war es üblich, nach Ablauf eines Geschäftsjahres Boni an die Mitarbeiter auszuschütten. Ein Bonus ist in dem Fall quasi ein Geldgeschenk nach einem erfolgreichen Geschäftsjahr. Im Vertrieb ist das in den meisten Industrien und Branchen handelsüblich, dort sind Boni aber zumeist variable Gehaltsbestandteile. Das bedeutet: Das Gehalt besteht aus zwei Komponenten: Einem fixen Teil (der bleibt immer gleich und unangetastet) und einem variablen Teil, den man je nach erfolgreicher Leistung am Ende des Jahres ausbezahlt bekommen kann, teilweise ausbezahlt bekommen kann, oder eben halt auch gar nicht ausbezahlt bekommen kann. Bei uns im Konzern gabs auch einen Vertriebsbereich, bei dem das wie vetrieblich üblich gehandhabt wurde. Bei allen anderen nicht Vertriebs-Mitarbeitern war es allerdings sozusagen tatsächlich ein „Geldgeschenk“, wenn man so möchte. (ACHTUNG: Das „sozusagen“ im Zusammenhang mit dem „Geldgeschenk“ ist in diesem Kontext unerlässlich! Ich hab kein besseres Wort gefunden und fürchte mich gerade ein bissal davor, dass jetzt gleich die Finanzmarktaufsicht bei mir anklopft). Da gabs nicht zwei Gehaltskomponenten (fix und variabel) sondern es gab ein Gehalt (das war leistungsunabhängig und blieb unverändert) und in einem wirtschaftlich erfolgreichen Jahr einen Bonus on top.

 

Soviel zu den Grundlagen der Remunerations- und Bonuspolitik. Sorry für den Sidestep, aber der war jetzt inhaltlich wichtig für die weitere Geschichte.

 

Jedenfalls hat es sich über die Jahre und Jahrzehnte eingebürgert, dass im Grund jedes Jahr ein „wirtschaftlich erfolgreiches Jahr“ war und deswegen auch jedes Jahr Boni an eigentlich eh alle Mitarbeiter ausbezahlt wurden. Die Bandbreit an der Definition von „wirtschaftlich erfolgreich“ ist ja quasi unendlich dehnbar und auch an dahinterliegenden Kennzahlen gibt es reichlich, da kann man ja quasi aus dem Vollen schöpfen und wählen. Je nachdem, was sich halt gerade so anbietet. 

 

Alles immer FMA-konform. Versteht sich. schwitz

 

Irgendwann, nach vielen Jahren, hat man sich dann allerdings überlegt, dass es ja aus vielerlei Hinsicht Sinn machen würde, nicht nur für den Vertrieb, sondern für alle Mitarbeiter Zielvereinbarungen zu erstellen. Und je nach Erreichungsgrad würde dann der Bonus ausbezahlt, Teile davon ausbezahlt, oder eben nicht ausbezahlt.

Die HR Augerl haben geleuchtet. Was das mit der Motivation der Mitarbeiter machen würde! Wie die sich alle bemühen würden! Mit welcher Freude und mit welchem Elan und Enthusiasmus die an ihre Arbeit herangehen würden! Eine großartige Idee! Nicht einmal das Christkind konnte eine solche Art Geschenk toppen!

 

Theoretisch.

 

Weil, praktisch hat sich herausgestellt, dass auch Zielvereinbarungen unendlich dehnbar sind und der Kreativität ja auch hier im Grunde keine Grenze gesetzt werden kann.

 

Das wurde eine Zeitlang so praktiziert, bis man erkannt hat, dass das mit den Zielvereinbarungen net so viel bringt, wenn´s dann am Ende eh wieder wurscht ist und eh wieder alle einen Bonus erhalten. Und so hat man beschlossen dem ganzen einen Riegel vorzuschieben, in dem man in diesem Jahr 3% aller Mitarbeiter in jeder Abteilung keinen Bonus ausbezahlen würde. Ich kann mich ehrlich nicht mehr erinnern, wie es zu diesen 3% gekommen ist. Ob das eine handels- und branchenübliche Zahl war, ob das die Gauß´sche Glocke so vorgesehen hat, ob das gerade ein Würfelbild ergeben hat, oder ob die 3% die Inflation abdecken sollten, oder ob da eine höchst komplexe finanzmathematische Rechnung dahinterstand. Oder ob´s eh vielleicht wieder mal von der FMA kam oder so.

 

Wie auch immer, es kam, wie es kommen musste. Dieses Vorgehen war nämlich einmalig in der Geschichte des Konzerns. Vermutlich, weil die Führungsriege und wir HRler zu viel Angst vor einer bevorstehenden Meuterei hatten.

 

Weil: Das Recht auf Bonus war in der Zwischenzeit ersessen. Quasi. Das war kein freiwilliges Geschenk mehr. Das war eine Mitgift.

 

Seitdem hat es unzählige Versuche gegeben, das Bonussystem abzuändern. Kleinere und größere Änderungen, Umwandlung in andere Anreizsysteme bis hin zur kompletten Abschaffung. Alles war dabei. Aber so wirklich durchgesetzt hat sich, glaube ich, bis heute nix. Bis auf die Vorgaben der FMA selbstverständlich. Wollt ich nur sicherheitshalber an dieser Stelle nochmals erwähnt haben. Just in case. schwitzende

  

So what? Kuchen für alle?

Ich glaub, das ist nicht gscheit. Nicht beim Bonus und nicht bei der Beurteilung. Weil die, die sich tatsächlich lauter Einser verdient haben, können das gar nicht schätzen, weil´s eh alle anderen auch haben und es nichts Besonderes ist. Und wahrscheinlich sind sie auch noch auf die angfressn, die sich´s eigentlich nicht verdient hätten und trotzdem gekriegt haben. Die, die sich´s eigentlich nicht verdient haben, sind zwar vermutlich zuerst happy über so ein tolles Zeugnis, aber, sie werden sich mit der Zeit auch daran gewöhnen. Und wenn sich das Beurteilungssystem dann eines Tages ändert und das Gießkannenprinzip aufgehoben wird, sind auch sie schlussendlich sauer, weil sie ja bis jetzt immer lauter Einser hatten und jetzt plötzlich nicht mehr.

 

Und wer entscheidet überhaupt, wer sich´s verdient hat und wer nicht? Selbstverständlich lösen wir es dann auf die österreichische Variante: WischiWaschi Ziele für alllleee!

Nur sind diese Wischiwaschi Zielvereinbarungen – mit Verlaub – aber leider auch ein Topfen. Wie soll ich denn ein Ziel erreichen, wenn ich nicht mal genau weiß, was ich da machen muss oder keine Ahnung hab, wie sich dann die Beurteilung im Endeffekt zusammensetzt. Dasselbe gilt für Noten in der Schule. Wenn für euch und eure Kids nicht klar ist, wie sich eine Note zusammensetzt, oder wie es zu welcher Note kommt, dann fragt bitte nach. Und wenn ihr wissen wollt, was es denn jetzt bräuchte, damit das Kind einen Grad besser werden kann, dann fragt auch das nach. Das halten die Lehrer aus. Das dürft ihr schon. Das ist schon ok so. Und wirklich wichtig! Finde ich. Denn alles andere führt am Ende des Tages eh immer nur zu Magenschmerzen.

 

Und sonst?

Und sonst bin ich persönlich ja grundsätzlich ein Fan von folgender Einteilung:


  • Geht’s dem Kind gut und läufts? SUPER!!

  • Geht’s dem Kind nicht gut und läufts nicht? Dann hilf ihm bitte! Am besten beginnt ihr mit einer dicken fetten Umarmung.

 

Ach ja, da war dann noch…

Wie es der Zufall so will und ich diesen Beitrag gerade fertig geschrieben habe, bin ich über dieses großartige Stück Musik gestoßen. Ich kannte es noch gar nicht und finde es ganz wunderbar.

 

Reinhard Mey – Zeugnistag:

 

Genießt die letzten Wochen vor dem Schulende und feiert das Jahr. Es ist nicht das Zeugnis, das uns später mal in Erinnerung bleibt. Es ist die Reaktion unserer Eltern, und wie sie damit umgehen, die wir uns merken.

 

In diesem Sinne:

Freibad für ALLLEEEE!

Schöne Ferien euch! Auf ein gutes Neues!

 

Alles Liebe,

eure Barbara

 

 

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